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von Aaron Bettag

Die Schützengesellschaft Speyer wurde im Jahr 1529 gegründet und ist damit die zweitälteste der Pfalz. Nur die Schützengesellschaft in Neustadt kann mit dem Gründungsjahr 1485 auf ein noch ehwürdigeres Alter zurückblicken. Die Schützengesellschaft Speyer hatte im Verlauf der Jahrhunderte und Jahrzehnte immer wieder mit zeitgeschichtlich bedingten Schwierigkeiten zu kämpfen, die den Betrieb zeitweise völlig zum Erliegen brachten. Beispielhaft sei der pfälzische Erbfolgekrieg von 1689 genannt, in dessen Verlauf französische Truppen die Stadt niederbrannten: Einzig die Fahne der Schützengesellschaft konnte gerettet werden. Ein weiterer Wendepunkt war der Bezug des neuen Schützenhauses hinter der Waldeslust im Jahr 1913 und der Verlust einiger Mitglieder in den folgenden Jahren des Ersten Weltkriegs. Zuvor hatte sich das Schießhaus an der Schützenstraße/Holzstraße im Bereich des “Schützenbuckels” befunden.

Schließlich feierte die Schützengesellschaft Speyer im Mai 1929 ihr 400-jähriges Jubiläum, welches unter seltsamen Bedingungen stattfand: Die französische Militärverwaltung gestattete weder einen Festumzug, noch das Abfeuern eines Schusses. Im Jahr 1930 zogen die französischen Truppen ab, womit einerseits erhebliche Schäden am Schützenhaus und den Schießanlagen durch den tatkräftigen Einsatz der Mitglieder behoben wurden und andererseits der Schießbetrieb wieder aufgenommen wurde. Bislang hatten die Speyerer Schützen, wie andere Sportvereine auch, parteipolitische Neutralität ausgeübt. Allerdings versuchten die NS-Machthaber von 1933 an, das gesamte Vereinswesen für ihre politischen und ideologischen Ziele zu instrumentalisieren: Neben Einführung eines Führerprinzips in der Schützengesellschaft Speyer wurden gesamtgesellschaftlich politische Funktionäre mit einer martialischen Dekoration ausgestattet, während Regimegegner und Opfer schwerer Gewalttaten systematisch entwaffnet wurden. Schließlich wurde der bisherige Vereinsvorsitzende, Oberschützenmeister August Grehl, mit einem Ehrenamt abgefunden, während die tatsächliche Vereinsführung einem NS-Standartenführer übertragen wurde. Zeitweise wurde die Schützengesellschaft durch NSDAP-Mitglieder vereinnahmt und hatte weit über 1000 “Mitglieder”. Am Ende des verlorenen Krieges kam jedoch nicht nur das Schützenwesen völlig zum Erliegen, sondern es wurden auch die Schießstände zerstört, das Schützenhaus verfiel und wurde ausgeplündert. Das Vereinsvermögen wurde beschlagnahmt und bis ins Jahr 1950 gesperrt.

Erst am 5. Juli 1951 wurde die Schützengesellschaft durch 14 Freunde des Schießsports im Lokal “Zum Königsteiner” unter Vorsitz von Franz Denzinger wiedergegründet. Nach den üblen Erfahrungen, die man mit der Politisierung des Sports gemacht hatte, herrschten klare Vorstellungen, welche Aufgaben der künftige Verein wahrnehmen sollte: “…Frei von jeder politischen Richtung, dient der Verein vor allem dem Schießsport, der Kameradschaft und der Geselligkeit.” Im weiteren Verlauf vereinigten sich Schützenverein und Schützengesellschaft Speyer im Jahr 1957, die Renovierung der Schießstände in der Waldeslust wurde zwar diskutiert, wurde jedoch nicht realisiert. Im Jahr 1962 stellte sich heraus, dass ein erneuter Aufbau der alten Schießanlage an der Iggelheimer Straße schon aus finanziellen Gründen nicht mehr möglich war. Die Stadt unter Oberbürgermeister Dr. Roßkopf hatte sich in den Verhandlungen bereiterklärt, der Schützengesellschaft mit der “Schwalbenwiese” im Woogbachtal ein ca. 5000 m² großes Gelände für eine günstige Pacht zur Verfügung zu stellen. Die Schützengesellschaft war bis zum Mai 1963 auf 50 Mitglieder angewachsen. Unter dem Vorsitzenden Willi Fix begannen die ersten Bauarbeiten an den ersten Schießständen. Im Jahr 1965 bot sich die Möglichkeit das Café des Frankfurter Zoos, einen Holzbau für etwa 45 Gäste, einschließlich der Einrichtung und des Geschirrs, für 4000 DM zu erwerben: Im Jahr 1966 leisteten die Schützen über 1200 Arbeitsstunden. Auch die folgenden Jahre bis zur Errichtung der nach dem damaligen ersten Vorsitzenden benannten “Karl-Preuß-Halle” waren arbeitsreich: Das Gelände wurde mit 40 LKW-Ladungen Sand, 120 Ladungen Bauschutt und 60 Ladungen feinem Sand aufgefüllt und planiert. Die Schießstände wurden am 6. Juli 1969 eröffnet, das Energie- und Toilettenhaus wurde fertiggestellt, ein 100m langer Kanal gegraben, ein neues Stromaggregat eingebaut und der Brunnen eingefasst. Die Gesellschaft wuchs weiter und erreichte im Januar 1972 die Zahl von 108 Mitgliedern. Am 29. September 1979 fand schließlich die 475-jährige Jubiläumsfeier der Schützengesellschaft in Anwesenheit von über 200 Schützenbrüdern und -schwestern unter Schirmherrschaft des rheinland-pfälzischen und thüringischen Ministerpräsidenten a.D. Dr. Bernhard Vogel auf der Schwalbenwiese statt, anlässlich derer der Speyerer Oberbürgermeister Dr. Christian Roßkopf einen Wanderpokal spendete, welcher bis heute jedes Jahr nach einem Wettkampf verliehen wird. Am 23. Oktober 1979 unterzeichnete schließlich Oberschützenmeister Karl Preuß den notariellen Kaufvertrag über das Schützengelände von der Stadt Speyer: Seit der 1797 nach Besetzung durch französische Truppen erfolgten Enteignung erhielt die Schützengesellschaft Speyer nach 182 Jahren wieder ein eigenes Schießgelände!

Den tatkräftigen ehrenamtlichen Akteuren der vergangenen Jahrzehnte gebührt Dank und Anerkennung für die Schaffung der Grundlage, auf welcher die heutige Schützengesellschaft ihren nunmehr mehr als 230 Mitgliedern ein prosperierendes Vereinsleben, mehrfache wöchentliche Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten bietet.

Quelle: “Chronik der Schützengesellschaft Speyer”, Dr. Thomas Rölle, Stefan Sohn, 2004.

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